Nachfolger von Arirang 2018

Die Nachfolger von Arirang

Heute erhielt ich, spät aber immerhin, aus Pjöngyang die Information, dass es im heurigen Sommer wieder die berühmten „Massengymnastik-Shows“ geben wird. Die neue Inszenierung trägt den Titel „Land des Volkes“ (People’s Country). Sie ist, ebenso wie das im September des Vorjahres stattgefundene Spektakel „Edles Vaterland“ (Glourious Country) würdiger Nachfolger von Arirang, der  jahrelang und sehr erfolgreich dargebotenen Massenveranstaltung.

Massenfestspiele sind in Asien populär. In Erinnerung sind vielleicht die spektakulären Eröffnungsfeiern der Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul beziehungsweise 2008 im riesigen, damals über 90 000 Plätze verfügenden Nationalstadion in Peking.  In diesem, dem „Vogelnest“, werden sicher ebenso imposante  Eröffnungs- und Schlusszeremonien der 2022 stattfindenden Winterspiele stattfinden. Die ultimativen Massengymnastik und –tanzveranstaltungen fanden und finden, unerreicht, jedoch in Pjöngyang statt. Im neu renovierten 1.Mai-Stadion, das 150 000 Sitzplätze hat.

1.Mai Stadion
1.Mai Stadion

Volles Stadion

Keine Überraschung, dass man die Arirang-Schau auch im Guinness Buch der Rekorde findet: in Summe gibt es rund 100 000 Mitwirkende. Mehr als 25 000 Schulkinder bilden mit ihren bunten Schautafeln pixel-gleich eine gigantische, häufig wechselnde Bildwand. Die verbleibenden 75 000  sind Aktive, TurnerInnen, TänzerInnen, SängerInnen, Artisten und Musikanten. Sie agieren in den verschiedenen Akten mit den zahlreichen, rasch wechselnden Szenen. Unglaublich, wie rasch und organisiert die tausenden DarstellerInnen einer Szene ihren Nachfolgern Platz machen.

Junge Schüler als Pixel
Menschliche Pixelwand
Jeder Schüler hat ein Buch mit Farbtafeln
Schüler mit Farbtafeln

Arirang ist das bekannteste, beliebteste und berühmteste, angeblich schon 600 Jahre alte Volkslied der Koreaner, irgendwie fast die inoffizielle Nationalhymne. Sie wurde beispielsweise auch gespielt, als das gemeinsame, vereinte koreanische Kanu-Team bei den Asien-Spielen 2018 die Goldmedaille erhielt.

Ach Rirang…

Das Lied basiert auf einer sentimentalen Geschichte des (natürlich wunderschönen) Mädchens Songbu und dem Jüngling Rirang. Die sich beim Kamelienpflücken ineinander verliebten, aber nicht zusammen kommen konnten. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich dementsprechend mehrere Varianten der tragischen Liebesgeschichte entwickelt:  in der Nichtschwimmer-Version ertrinkt Rirang, als er über den Fluss zu Songbu wollte. Koreas Freud und Leid – der ideale Stoff für die Schnulze im Karaoke-Separee. Oder aber Anregung und übergreifendes Thema bei kollektivem Massenturnen und -tanzen.

In der antikapitalistischen Version lehnt sich Rirang, mittlerweile korrekt mit Songbu verheiratet, gegen den bösen Gutsherrn auf, entschwindet gegen die Ausbeuter kämpfend, hinter den sieben Bergen. Dann gibt es noch die Guerilla-Version, verbunden mit der japanischen Invasion Koreas ab 1910. Wie auch immer: es seufzt die einsame Songbu „Ach Rirang…“, was auf koreanisch eben wie „Ah Rirang…“ klingt.

Das Arirang-Lied gibt es dementsprechend  in vielen hunderten, regional, sogar lokal unterschiedlichen Variationen und Versionen. Es bietet Inspiration bei Kunst, Literatur und Filmproduktionen in Nord und Süd, trägt zur kulturellen Identität bei. Als Symbol der Volkslieder Koreas wurde es 2012 als immaterielles Weltkulturerbe in die UNESCO-Liste aufgenommen.

Wiedervereinigung
Die Sehnsucht nach Wiedervereinigung

Die offizielle Deutung

In einer Broschüre des nordkoreanischen Verlags für Fremdsprachige Literatur finde ich die offizielle Interpretation, einen Schachtelsatz, den ich meinen Notizenlesern und Nordkorea zumindest etwas verstehen wollenden Reiseinteressenten gerne weiter gebe: „Die Liedtexte von Arirang widerspiegeln durch die Gestaltung der Liebesgefühle und Psyche zwischen dem starken und dem schwachen Geschlecht wie der Traurigkeit, vom Ehemann Abschied nehmen zu müssen, der Sehnsucht nach ihm und der Hoffnung auf Wiedersehen das bittere Leid der werktätigen Volksmassen in der Ausbeutergesellschaft und deren Groll auf diese Gesellschaft, ihre leidenschaftlichen Bestrebungen und Wünsche nach einem glücklichen Leben.“ Alles klar?

Das erste Arirang gab es 2002 anlässlich des 90. Geburtstags des Staatsgründers Kim Il Sung, ab 2005 dann jährlich. Ich konnte eine Arirang-Vorstellung erstmals 2008 mit einer von mir organisierten, österreichischen Reisebürogruppe besuchen (es gibt davon sogar ein Video bei Stafa Reisen/Alles Reise). Die letzte Aufführung war im Sommer 2013. Danach folgte, sehr zum Bedauern der Bevölkerung und der ausländischen Besucher, eine lange Pause.

Würdige Nachfolger von Arirang

Im letzten Jahr gab es nun aus Anlass des 70. Jahrestages der Gründung der DVRK eine neue, neu choreographierte Massenschau. Ebenso bunt, mit ebenso beeindruckenden, mitreißenden Szenen und mächtiger Musik. Doch moderner in der Inszenierung (neu: bunte Drohnen im Synchronflug über dem Stadion; Lasereffekte). Ein würdiger Nachfolger von Arirang.

Stadttor

Frieden, Freundschaft

Auch der südkoreanische Präsident Moon, der um den 9.September als Gast von Kim Jong Un Pjöngyang besuchte, war beeindruckt. Drei Wochen später saß auch ich im 1.Mai-Stadion, nur 20 Meter von seinem Sitzplatz entfernt. Ebenso beeindruckt.

Neben den Ehrenplätzen
Nur 20 Meter von den Ehrenplätzen…

Heuer wird nun eine neue Massenshow inszeniert. „Land des Volkes“ wird genauso imposant, überwältigend, pompös einen Überblick sowohl über Geschichte als auch über Leistungen, Erfolge und Kämpfe des nordkoreanischen Volkes bieten, des Weiteren auch Themen wie Frieden, internationale Freundschaft und Kooperation sowie Wiedervereinigung (also doch wieder ein bisschen Arirang-Sehnsucht) in Massenszenen und bunten Bildern darstellen.

Feuerwerk in Pjöngyang
Zum Abschluss das traditionelle Feuerwerk

Heuer ist die Spielzeit außergewöhnlich lange: von Juni bis Mitte Oktober. Sechs Mal die Woche (außer Sonntag). Der Normal-Sitzplatz kostet € 100.-, die besseren Kategorien sind überteuert. Wenn Sie sich zum Beispiel wie Kim fühlen möchten: der Präsidentenplatz kostet € 800.-

Beginn der Aufführung: 20.30, Ende: 22.00

Wenn…

… Sie bewegliche Bilder sehen möchten, finden Sie auf YouTube zahlreiche Videos. Mich hat eines davon (Arirang 2012) besonders fasziniert. Der Filmende war offensichtlich mehr von den Pixel-Schülern als von der Show beeindruckt – Link (Videodauer 8.07)

… Sie mehr über die Feinheiten und Symbolik des Arirang-Festivals lesen möchten, empfehlen wir das Kapitel 8 im Buch „Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates“ von Prof. Rüdiger Frank (vgl. Information/Reiseliteratur)

… Sie Lust auf eine Vorstellung „Land des Volkes“ bekommen haben, gibt es zum Termin 8. Oktober 2019 eine bereits gesicherte Gruppenreise des Veranstalters Tai Pan – Link